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Freiheit, Gleichheit und der andere Kram

Für uns Küchenhistoriker bietet eigentlich jedes Datum genügend Potential, darüber nachzudenken, welches bedeutende Ereignis genau heute vor soundsoviel Jahren stattgefunden. Meistens jedoch bleiben meine Überlegungen fruchtlos, aber regelmäßig am 14. Juli glimmt in mir der Funke der Erinnerung. Nicht unbedingt an den Sturm der Bastille selbst, vielmehr an Unterrichtsstunden oder andernorts Gelesenes, die dieses Datum für mich zum Inbegriff des Umsturzes werden ließen. Während "Revolution" für diese ein hehres Ziel ist, erscheint es jenen als unbequemes Schreckgespenst. Mich aber läßt sie kalt. In meinem Geschichtsverständnis ändern sich nämlich höchstens mal Besetzungen, nie aber Zustände. Und in meinem Gauben an den ewigen Kreislauf der Dinge bin ich auch durch das Openmic des 14. Juli bestätigt worden, als ein Newcomer  den Abend mit 3 Songs eröffnete, ein anderer ihn mit dreien beschloß. Übrigens: Die begeisterungsfähigen Massen, die man (vermute ich -beigebracht hat man uns die Zutaten einer Revolution nicht, wohl aus Angst, wir könnten Gelerntes tatsächlich einmal anwenden) für eine Revolution braucht, waren da und besiegten mit Applaus und Aufmerksamkeit die schlechte Stimmung, nicht die Umstände.

Für Menschen wie "Blaurot" Bernhard L. ist das Openmic ursprünglich konzipiert worden. Wir freuen uns zwar immer, auch Profis zu dazuhaben, aber die Chance, jemanden beim ersten Auftritt sehen zu können, ist eben einmalig. Als Bernhard, überwältigt von Nervosität, die Bühne bereits nach dem ersten Song "Wer bist Du" wieder verlassen wollte, wurde er daran vom energischen Einschreiten des Publikums gehindert. Glücklicherweise! Denn die beiden noch folgenden Lieder, die zu spielen er sich zunächst gescheut hatte, waren noch mal eine Steigerung zum doch recht sicher vorgetragenem ersten. Der "Kornfeld Blues" begann mit einem fast sinnfreien Text, der sich dann noch zur "Kifferlyrik" (falls es dieses Genre gibt) steigerte, und die Ballade "Geschenk des Himmels" sorgte für andächtige Stille im Publikum.

Sehr viel erfahrener sind Andrea und Daniel von Zweizeit. Die charmante Sängerin und der versierte Gitarrist spielten bei ihrer (ein Mißverständnis hatte ihr Erscheinen zu einem früheren Termin verhindert) ersten Einlage beim Openmic fünf ihrer Stücke, "Ganz und groß", "Sabis Song",  "Bluesding", "Two Being Blue" und "Nice Outside", und zündeten dabei ein Feuerwerk des Swing. Ganz zurecht wurden der souveräne Gesang, die groovy Bassläufe, die gut abgestimmten Dynamik- und Lautstärkewechsel, überhaupt das großartige Zusammenspiel der beiden Bonner und die kleineren und größeren Soloparts des Instrumentalisten im Zuschauerraum lautstark und begeistert gefeiert und sogar mit angedeuteten Tanzbewegungen beantwortet.

Bernardo, der zum vierten Mal an unserer Veranstaltung teilnahm, hatte mir vor seinem Auftritt anvertraut, dass ihm die Rezensionen, die Mario ihm geschrieben hat, sehr gefallen haben. Darin wird mehrfach ausgedrückt, daß Bernardo seine Stilmittel, z.B. den prägnanten Gesang, und seine Texte mit viel Bedacht gewählt hat. Das hat er sicherlich. Und dass  Lieder mit jedem Hören einen größeren Zugang für den Konsumenten bieten, kann man, glaube ich, immer sagen. Nur macht Bernardo es auch einem wohlwollenden Publikum sehr schwer -wahrscheinlich auch das in voller Absicht-, ihn wirklich zu entdecken. Ohne jede Ansprache spielte er seine Songs runter, seine tremoloreiche Art zu singen wurde spätestens mit dem dritten Stück etwas anstrengend. Niemand erwartet vom Openmic-Künstler Verstellung, aber ein unterhaltendes Element hätte hier gut getan, und die Konzentration der Zuschauer hätte auch die beiden ersten melodisch schönen, sauber gespielten Lieder "Vorbei=Vorbei" und "Du" überdauert.

Auch Sten Fisher, derzeit unterwegs, um seine erste CD zu promoten, war auch schon einmal beim Openmic dabei. Die Zartheit der meisten seiner balladesken Songs war mir noch gut in Erinnerung. Und die war auch diesmal wieder zu erkennen. Mir neu (oder entfallen) war der etwas eckigere, unbequeme Ansatz in manchen seiner Stücke, wie beim düsteren, von der Basslinie beherrschten "Drop me a line". Leicht bluesig, dabei aber gut ins bevorzugte Popschema eingebettet, kamen Intro und Bridge des neuen Songs "Where is my love?"
daher. Beeindruckend war, wie seine Musik einerseits sowohl dem Gesang, als auch der Gitarrenbegleitung Raum zur Entfaltung ließ und andererseits eine melancholische Stimmung erschuf, die auch das Publikum fesselte.

Auf ganz andere Weise zog Marius von der Frost die Zuschauer bei seinem allerersten Auftritt in seinen Bann.  Seine Kazoo-Soli wurden mit johlendem Applaus quittiert. Mal sorgten kleine, feine Beobachtungen, mal etwas derbere Scherze in seinen Texten für jede Menge Lacher. Marius präsentierte sich als grandios aufspielenden Liedermaching, der, weil er "nur" drei Stücke, nämlich "Was ist das für eine Welt", "Unvertütet" und "Das Schlimmste dieser Welt", mitgebracht hatte, seine kurze Zeit auf der Bühne durch unheimlich lange, zwar konzeptlose, aber sehr sympathische Ansagen verlängerte. Nervosität konnte ihm während des Spielens seiner eingängigen, mal swingenden, mal slawisch angehauchten Lieder jedenfalls nicht anmerken, nur den Spaß an der Musik.

Brüderlichkeit! Genau, das war die dritte Sache! Nun, davon verstehe ich nichts. Gottseidank, steht am 11. August ein anderes Jubiläum an, mit dem ich mehr anfangen kann: Das Openmic wird zwei! Kommt alle gratulieren!

Gruß,
Ann

 

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