Rezensionsarchiv

 

 

Überraschender Weise begann das Open-Mic in diesem Monat mit einem Duo (Taxi Baby), in das sich eine E-Gitarre hineingeschlichen hatte. „Mal schau’n, was ihr draus macht“ waren so auch Marios Worte für die zwei Jungs mit der insgesamt halbakustischen Gitarre. Gleich das erste Stück ließ aufhorchen, mit seinem neblig-melodischem Deutsch-Rock, der sich im zweiten Lied (Roadtrip) ins Englische verschob und durch den Gitarrentausch (Die E-Gitarre ging an den Sänger) Dynamik brachte. Nun wurde jedoch die Schwäche der Zwei deutlich. Die begleitende, immer wieder eingebrachte Stimme von Dennis Heidenreich kam oft zu leise und wirkte beinahe unbeholfen, schüchtern. Während Leadsänger Linus Volz durch seine rockige, tiefe, Tremolo-lose Stimme die Atmosphäre einer „Rockpause auf dem Highway“ zu vermitteln verstand, muss sein Duo-Partner dringend mehr aus sich herauskommen und könnte zum Beispiel einmal versuchen  die langen Passagen dieses Stückes mit einer Kopfstimmigen Einlage zu bereichern.

Ihr drittes Lied war wieder ein deutscher Song, der stilistisch in die Richtung des ersten tendierte und melancholisch an vergangene Stranderfahrungen und die erste Liebe denken ließ. Lob gebührt dem Songwriter, der hier gekonnt die schwierige deutsche Sprache rhythmisch zu gestalten wusste und mit dem überraschenden Ende („Was soll’s, was soll’s?“) einen bleibenden Eindruck hinterließ. Eine insgesamt runde Sache dann auch Taxi Babys viertes Lied, angekündigt durch die Drohung, nun 48 Stunden zu spielen. Ein erstauntes „Uuuuui“ angesichts der Raucheffekte auf der kleinen Bühne gesellten sich zu den Zeilen des Stückes, das einerseits durch Zeilen, wie „Mach immer, was dein Herz dir sagt“ die Gier der Zuhörer nach sprachlicher Vielfalt enttäuschte, jedoch durch wiederum sehr gekonnt geschriebene Zeilen, wie „Es tut uns nicht Leid“ auszugleichen verstand.

Fazit: Auch mit E-Gitarre ein super Auftritt, wie Mario deutlich machte und mit mehr Mut eine Hoffnung für künftige Auftritte und noch mehr Applaus.

 

 

Als zweites hatte Memo Bojan seinen Auftritt. „Waiting for dates“ war eine Ohrenweide, in der er seine reine Stimme bis zur Gänsehaut meiner Nachbarin -und ab diesem Moment spätestens Mit-Kritikerin des Abends-  Marie einsetzte. „Ich mag den“. Durch Spannung und Rhythmus nahm Memo Bojan die Zuhörer gefangen und man musste einfach mit wippen, als er bald energisch lauter werdend davon überzeugte, dieses Stück wirklich zu MEINEN und nicht bloß zu spielen.

Ein „Ooohhh“ angesichts der Ankündigung seines zweiten Stückes ging durch die Mausefalle, als Bojan betonte, es ginge darin um’s verlassen werden. Tracy Chapman ist eine Frau, aber um den stimmlich-stilistischen Vergleich ist bei Memo Bojan nicht herumzukommen. Seine Stücke sind mindestens so tiefschürfend, wie die Tracys und Marie zitierend sogar „geiler, mehr Pepp.“ Altbackene Reime, wie „I’m feeling blue, don’t know what to do“, fielen angesichts eines solchen Künstlers kaum ins Gewicht.

Das dritte Stück nun kündigte Memo Bojan als melancholisch an und ab jetzt hieß es: Zurücklehnen und genießen. Was für eine Stimme! Geschickt stilistisch eingesetzt brach diese dann ganz selten nach oben hin weg, um darauf sofort wieder zum melancholischen Thema zurückzufinden. Dramatik pur war das, und ist unter Memo Bojans Myspaceseite auf Maus-klick zu erleben.

„It’s over now“ hieß sein viertes Lied. Voller Sehnsucht erklangen die Zeilen des Liedes zum Leben und gerade, als ein wenig mehr Elan wünschenswert gewesen wäre, brachte Memo Bojan genau diesen ein und söhnte auch die letzten Kritiker damit aus. Aber dennoch: Einige Variationen in seinem Repertoire würden diesem Talent sehr gut tun. Denn nach vier stilistisch gleichförmigen und nicht gerade vor Lebensfreude explodierenden Stücken, sehnte sich vielleicht auch manch ein anderer der Zuhörer nach einem Stimmungswechsel. Bei Deiner Stimme bleib jedoch und wegen des Textgewaltigeren Covers, was  du zum Abschluss brachtest: Deine Stimme macht alles wett. Deine Lieder waren bei weitem besser als das Cover!

 

Nun war eine Gruppe junger Liedermacher an der Reihe, die leider meist so klangen, wie ihr Name: Die Sunday Hangovers. Doch das Positive zuerst: Eine bezaubernde junge Dame betrat die Bühne und zog mit ihrem Charme das Publikum in ihren Bann. Oft mögen ihre Versuche im ersten Stück gelungen sein, viel öfters jedoch klang es einfach schräg. Die Begleitung konnte die Kartoffeln hier nicht wirklich aus dem Feuer holen und ähnlich schieflagig ging es im zweiten Stück weiter. Meine Mit-Kritikerin bemerkte das mangelnde Bandfeeling; es war ihr, als spiele jeder für sich. In Lied drei dann die Chance das Blatt zu wenden, mit dem in diesem Stück männlichen Sänger Christoph Ball, dessen vermutlich nicht einmal schlechte Stimme jedoch mehr oder weniger der technischen Einstellungen zum Opfer fiel. Das, was von seiner Stimme durchdrang jedoch, klang rau und nicht schlecht. In Lied vier wechselte wieder das Mikrophon und nun sollte es voll mit dem „kleinen Rockstück“ abgehen. Stattdessen ging leider wieder vieles einfach nur voll daneben und das plötzliche, laute Geschrei brachte den Saal eher zum Lachen, als zur „Emotion you get with devotion“. Mit gutem Willen eventuell zu verzeihen, und gerade bei lauten Stücken hört man sich selbst auf der Bühne wenig,  aber insgesamt einfach sehr neben der Ideallinie. Das fünfte Lied dann setzte auf bewusst schräge Töne, die auch erfolgreich saßen und sich mit der Kopfstimme der attraktiven Sängerin verbunden oft wieder gut anhörten. Zu Marios Freude wieder ein deutsches Lied, gäbe es auch so viel mehr, „wenn es auf Spanisch wär‘“. Fazit: Entweder müssen die Sunday Hangovers noch viel üben, oder aber grundlegende Veränderungen in ihrer Struktur vornehmen. Und sei es nur, den Leadsänger zu wechseln, zum Beispiel durch Christoph, der uns sicher unter besseren technischen Voraussetzungen bald wieder die Ehre erweisen wird. Noch ein Tipp: Versucht durch interessante Zusatzinstrumente Eure Truppe aufzumischen und setzt eure Sängerin als den Magneten ein, der sie trotz aller stimmlichen Schräglagen gestern für den Openmic-Abend war. Mehr im Hintergrund und begleitend singend und spärlich in den Vordergrund tretend und dafür die spannenden Musikinstrumente (Evtl. sogar außergewöhnliche Eigenbauten?) bedienend, wird auch sie euch vielleicht nach vorne bringen können. Gebt nicht auf und kommt wieder. Die Open-Mic versteht sich auch als Entwicklungsforum.

 

 

Denis Hodak, ein stolzer Meckenheimer der mit vielen Zigaretten seine Stimme trainiert, schwebte mit dieser (Stimme) wieder über Land und Meer, drohte im ersten Lied jedoch häufig an ihren eigenen Grenzen zu stranden. Das Ende mit der Kopfstimme rundete diese Schwächen ein wenig ab. Solche Varianz wäre für Denis das Salz in der Suppe, mit dem er nicht so geizen sollte. Sei kreativ! Sein zweiter Song war ein völlig neuer, den Denis nach der Lektüre von „Dein Ende ist mein Anfang“ von Tiziano Terzani geschrieben hatte, anstatt für seinen Deutsch-LK zu lernen. Wenigstens war dieses Stück, wenn auch auf Englisch, von Literatur inspiriert; sein Lehrer wird ihm vergeben. Der Refrain dieses Titels ging melancholisch tief, jedoch wirkte das fortlaufende hohe Singen in den Strophen sehr angestrengt. Meine Nachbarin Marie fand den Schlussteil dann jedoch sogar noch besser, als den Refrain. Im dritten Lied „What you make“ fehlten dem Nicht-Popfan die Brüche. Der Song klang sehr gleichförmig und er läuft so, oder so ähnlich wohl immer wieder im Radio. Die Popmusik-Fans hat Denis sicherlich auf seine Seite ziehen können, den Melodiefreunden dagegen standen die Fragezeichen über den Köpfen: Das angesichts der vielen Tonmöglichkeiten nur ein breiter, langsam fließender Strom an Möglichkeiten ausgewählt wurde, geht ihnen nicht in den Kopf.

Das vierte Lied begann ähnlich, und erst, als mich meine Nachbarin motivierte doch einmal an einen trüben Wintertag, zum Beispiel in Irland, zu denken, fand auch ich Gefallen an Denis‘ Stil. Doch muss es immer Winter sein? Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?! Auch dieses Stück war von der Art wie die vorigen, eher flach gehalten und ohne viel Rhythmus. Denis muss Gefallen an dem vorigen Ausbruch in Geschrei gefunden haben, denn auch er brach mitten in diesem melancholischen Stück plötzlich in ein eher unpassendes Geschrei aus. Lied fünf war, wie Lied eins, ein alter bekannter für alte Bekannte der Open-Mic-Szene, was Denis freuen sollte: Er besitzt offensichtlich einen Wiedererkennungswert.

 

 

Mit Fabi und Paddel (Wackedackel) schloss der Abend. Ihr erster Titel begann rhythmisch und zur Freude der Liedermacher im Saal: Auf Deutsch. Stimmlich nicht überragend trugen die beiden ein Lied vor, wie man es an einem Lagerfeuerabend erwarten würde. Doch dann geschah die Wende, die die zwei zum, in meinen Augen, mit-besten Act des Abends neben Memon werden ließen: Fabi sang mit einem Mal hoch, wie ein Chorknabe und brach die letzten Frauenherzen in der Mausefalle, als er so brillierend in ein harmonisches Stelldichein mit seinem Duopartner Paddel einstimmte. Der Spaß, den die beiden dem Publikum brachten und ihre Cover-Raggey-Einlage überzeugten nun spätestens auch die letzten Zweifler von der Gabe der Zwei von der Open-Mic, die Massen zu unterhalten. Es folgte ihre urkomische Labello-Anekdote  alla „Frau-Labello / Labello-Frau“, die unter der weiblichen Zuhörerschaft auf peinliche Zustimmung traf. Ab dem Moment des einsteigenden Akapella-Duets brauchte niemand einen „Labello, um glücklich zu sein.“ Die Zwei machten jeden mit ihrer originellen Art des Liedermachings ohnehin schon überglücklich. Paddel von den tiefsten Bassklängen in einen Kopfstimmensopran wechseln zu hören, war ein Genuss höchster Güte. Das einzige „Liebesschnulzenlied“ Fabis und Paddels kam nun an die Reihe und präsentierte sich auf Englisch. Erste Reaktion: Bleibt bei Deutsch! Der eingeschobene Sprechpart klang dann aber doch sehr ansprechend, ebenso, wie die stimmliche Steigerung innerhalb des Songs die Zuhörer zu binden wusste. Lied vier handelte vom Wackeldackel und zeichnete sich wieder durch wortgewandte Originalität komischer Banalität aus: „Und dann wackeln sie gemeinsam“, oder „Bald wird er nicht mehr wackeln“ machte aus einem eigentlich traurigen Thema der Melancholie ein spaßiges Erlebnis der Extraklasse, was durch Paddels astreine Gitarren-Begleitung in den siebten Himmel gehoben wurde. Im fünften Stück von der Seekuh schöpften die Zwei fast ein neues Wort, als sie immer wiederholten, wie schön es wäre, wenn man eine „Seekuhwär“. Mit dem erneut sehr anregenden Eindruck ihres Duo-Gesangskunstwerkes entließen Fabi und Paddel, die zwei attraktiven Chorknaben die sicher noch weiter wachsende Gemeinde der Open-Mic-Fans in den Abend.

 

Danke! Und traut Euch weiter aus dem Schlafzimmer!

 

Tim

 

 

 

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