Rezensionsarchiv

 

 

Karneval ist vorbei und völlig egal, ob der Namensbegriff als „carne vale  = Fleisch, lebe wohl!" oder als Verstümmelung des mittelalterlichen „carne levamen = die Enthebung von Fleischgenuss" übersetzt wird und auch völlig egal, ob damit die Vorbereitung auf die Enthaltsamkeit der fleischlichen Lust oder des lustvollen Fleischgenusses gemeint ist, das openmic-bonn war mal wieder „con musice“!

Angefangen hat es allerdings mit zwei Absagen. Sowohl „ZweiZeit“ als auch „so anyway“ sind durch die Februar Grippe außer Gefecht gesetzt worden – Schade, jedoch ist es gelungen die aufgerissenen Lücken zu füllen – und dies sicher nicht mit Lückenbüßern.

Memo Bojan, vorgesehen für den März, ist kurzfristig eingesprungen, sehr kurzfristig, was für einen Künstler, der nicht jeden Tag auf der Bühne steht immer ein kleines Wagnis ist. Aber der Erfolg hat ihm Recht gegeben. Bravourös, selbstsicher und professionell kam er, sah er und siegte er. Rhythmisch äußerst gut nutzte er seine Gitarre mit einem exzellenten und veränderungsreichen Strumming mit Ansätzen eines flat-pickings als Werkzeug, um seinen Liedern die richtige Grundlage zu geben. Diese wiederum nutzte er mit einer ausdrucksvollen Stimme, um sein Werk vorzustellen. Musik zu Charakterisieren hat für mich immer etwas von Schubladendenken, aber wenn es denn doch sein soll, so würde ich Memo’s Musik am ehesten mit jazzigem Indie Pop bezeichnen. Es war ein genialer Auftritt und ein Vorgeschmack auf den Wunsch nach mehr. Einziger Tipp den ich Memo mit auf den Weg geben könnte: Such nach einem eindeutigen Merkmal, das jeden Hörer erkennen lässt, hier steht Memo. Mit geschlossenen Augen habe ich manchmal Tracy Chapmann gehört und du hast es mit deiner Ausdrucksfähigkeit nicht nötig mit anderen verglichen zu werden.

An die zweite Stelle gelost wurde Niko Held. Bereits die ersten gespielten Akkorde auf der Gitarre zeigten, dass auch mit Niko Qualität auf die Bühne kam. Dachte ich im ersten Moment noch, dass eine große Ähnlichkeit der Stile und Ausdrucksformen zwischen Niko und Memo existieren, so wurde der große Unterschied bei allen Gemeinsamkeiten bald klar. Auch Niko glänzte mit einem durchdachten Strumming auf der Gitarre, konnte aber später auch mit einfachem, aber wirkungsvollem Begleitpicking überzeugen. Interessant bei Niko waren die synkopisierten Notenbetonungen, wobei nie klar war, ob dies eine gewollte oder eine emotional automatische Erscheinung seines Musikausdrucks ist. Wenn es gewollt ist, dann ist es eine technische Meisterleistung, wenn es aus der Emotionalität erwächst, zeigt es, wie intensiv Niko zu seiner Musik steht. Niko legt Wert auf textliche Aussagen und plakatiert dabei an einigen Stellen – und wenn es dann plötzlich ein Liebeslied ist, welches er singt, merkt man, dass die Situation die bewusst und Intelligenz bezogen durchdacht werden kann, halt doch leichter in Worte zu fassen ist, als die (hoffentlich) pure Emotion der Liebe. Das Lied selbst hat mich ein wenig an die Glanzzeit der Gruppe Lapizlazuli erinnert, wobei Niko diese Gruppe sicherlich nicht kennt (dazu ist er zu jungJ ). Auch bei Niko bleibt mir wenig Raum für gute Ratschläge, einzig dass der Sprung auf hohe Töne noch intensiver geübt werden sollte. Aber auf der Bühne hört sich vieles anders an, als im Übungsraum.

An dritter Stelle kam eine „alte“ Bekannte. Ann Bishop, Urgestein und Mitgründerin des openmic-bonn. Mit Bühnenerfahrung und trotzdem immer wieder aufgeregt, was sie sympathisch macht, brachte sie ihren sehr eigenen Stil eines akustischen, lyrisch- jazzigen punkrocks auf die Mausefallenbühne. Das erste Stück war ein wenig durch die Aufregung in ihrer sonst vorherrschenden Stimmakrobatik eingeschränkt, aber spätestens beim zweiten song hatte sie sich wieder im Griff. Tremolo in der Stimme, nicht des Tremolos wegen, sondern weil es an der Stelle einfach passt, Kopfstimme wo Kopfstimme hingehört und Sprünge vom Dreimeterbrett in ein „Singbecken“ ohne danach unterzutauschen, sondern sich kurz vor dem Eintauchen wieder abzufangen und erneut dem Lied einen eindrucksvollen Ausdruck zu verleihen. Das sind Attribute, die Ann Bishop beschreiben und die gestern auch zu spüren waren – trotzdem muss ich sagen, dass ich dich schon besser erlebt habe, liebe Ann. Du warst gestern gut, aber du hast noch viel mehr drauf und ich habe mir sagen lassen, dass dein support Konzert für Ariane Baumgarten sehr, sehr gut war. Vielleicht lag mein Eindruck gestern auch daran, dass Anns Gitarre im sound sehr spartanisch daher kam. Es ist also selbst bei der akustischen Musik doch ein Riesenunterschied wie die Elektronik ausgelegt ist. Aber Anns Hauptinstrument ist die Stimme und das hat sie gestern auch wieder bewiesen.

Die zweite Lücke des Abends wurde von Marco gefüllt. Schon einmal ist er spontan aus dem Publikum aufgestanden und hat ein paar eindrucksvolle Covertitel gebracht. Aber, ganz im Sinne des openmic-bonns, trägt Marco auch seine eigenen Kompositionen vor. Nach seinem ersten Auftritt habe ich mich lange mit Marco unterhalten und ihm meinen Eindruck seiner Interpretationen gesagt und Marco hat sich alles angenommen. Gestern waren seine eigenen Lieder sehr gut zu verstehen, er hat einen eigenen Stil entwickelt und keins seiner Lieder klang wie ein Coverstück. Trotzdem hat er es geschafft den starken Ausdruck seiner Stimme einzusetzen – warum trotzdem? Bei Marcos erstem Auftritt fiel es noch auf, dass auf der Grundlage einer Vorlage (also eines Coverstückes) seine Ausdrucksfähigkeit der Stimme vorhanden war, wenn er eigene Stücke sang, klang er eher etwas dünn. Das war gestern anders. Besonders gut gefallen hat mir sein Dankeslied an seine Mutter (und wahrscheinlich alle Mütter), welches ungestelst, völlig schmalzlos und mit leichten Reggae Rhythmen den Anteil der Mütter an jedem Erfolg der Kinder, ob im Kindes- oder Erwachsenenalter darstellte. Marco wird sicher nie ein Gitarrenvirtuose und Marko wird sicher seinen Lebensunterhalt nicht mit einer musikalischen Bühnenpräsenz verdienen, aber Marko weiß seine Stimme und sein Einfühlungsvermögen einzusetzen und ist ein sympathischer Musiker.

Nach Marko kam etwas ganz Neues. Nachdem es im Februar keine neue Interpretation des Eröffnungsliedes gegeben hat, gab es nach dem offiziellen Teil eine Session. Niko, Ann und Marko fanden sich auf der Bühne zusammen, um spontan und angetrieben durch das Publikum gemeinsam zu musizieren und hier zeigen sich die wahren Musiker. Ohne vorherige Probe kam es locker und ansprechend rüber, als gemeinsam mit dem Publikum Bob Dylans „knocking on heavens door“ erklang.

Wenn es so weitergeht, kann nichts mehr schiefgehen. In diesem Sinne

Out of the bedroom

 

Euer Mario

 

 

 

home                    Wir                  Anmeldung         Mausefalle 33 1/3       Kontakt           Impressum                Rezensionen