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Um es vorweg zu sagen, so ausführlich wie das letzte Mal wird die Rezension des 5. openmic Abends diesmal nicht. Tim hat uns da ja ganz schön verwöhntJ. Und außerdem ist mir erstmal die Spucke weggeblieben und ich muss erst verdauen, mit welcher kontinuierlichen Qualität diese Abende von oft noch nicht einmal im semiprofessionellen Bereich anzusiedelnde Künstler gestaltet werden.

Gestern wusste auch ich nicht, was auf mich zukommt. Wir haben den Abend in zwei Bereiche aufgeteilt. In der ersten Hälfte spielten zwei Gruppen. Ich vermutete, dass es nun richtig losrockt – beide Gruppen haben normalerweise ein richtiges Schlagzeug, was sie aber wegen des eher balladistischen Charakters der openmic zuhause gelassen haben. Um also vor der geballten Rock’n Roll Ladung das Publikum auf die Besinnlichkeit der Zeit einzustimmen, das Wetter schafft das ja dieses Jahr nicht, spielte ich als erstes ein Weihnachtslied. Frisch aus meiner Feder, habe ich mich durch die Vorbilder meiner jüngeren Kollegen getraut, das Lied auch ohne großes einüben zu spielen. Es hat glücklicherweise ganz gut geklappt. Nun, wer mich kennt weiß, dass das mit dem besinnlichen Weihnachtslied einen Haken hat, denn die Besinnlichkeit blieb zwar über das ganze Lied in der Melodie erhalten, jedoch wurde das Publikum mit jeder Textzeile immer ruhiger und aufmerksamer und ich denke, ich habe mein Ziele erreicht – nämlich ein klein wenig Nachdenklichkeit über die Voraussetzungen und Folgen unseres „Geiz-ist-Geil“ Zeitalters zu wecken.

Dann aber die erste Gruppe. Bis vor wenigen Tagen noch ohne Namen - ist sie doch erst vor vier Wochen geboren - schafften es die Musiker noch vor dem openmic Abend beim Standesamt vorbeizuschauen, um der Neugeburt eine Identität zu verleihen. Sonic firebird ist nicht nur geboren, sondern hat mit ihrem Auftreten ausnahmslos allen Anwesenden die Sprache verschlagen. Nicht beinhart rockig, sondern in dem ersten Stück eher funky kamen sie rüber. Nicht laut, sondern eher klar und sehr aufgeräumt. Das Schlagzeug, ersetzt durch zwei Bongos, gab einen steten Takt, die Rhythmus Gitarre drängte sich nicht in den Vordergrund, sondern leitete mit sicherer Hand eher aus dem Hintergrund – Führungsqualitäten, die heutzutage in Betrieben eher selten anzutreffen sind – und auch der Bass war trotz seiner steten Präsenz nie aufdringlich, sondern ordnete sich wie alle anderen in eine komplette Harmonie des Gruppenbildes ein. Nicht das der Eindruck entsteht, irgend ein Instrument oder Gruppenmitglied war unscheinbar – nein, alle drei waren immer da, jedes Instrument tat seinen Teil sehr präsent. Die drei haben es geschafft ein Bild einer intakten „Familie“ abzuliefern, dass andere nicht nach Jahren des Zusammenspiels hinkriegen. Ich habe übrigens das Schlagzeug nicht vermisst, nein, ich kann mir nicht einmal vorstellen, dass es in diese Musik gut reinpasst. So wie sie daherkam, war sie einfach gut.

Auch weiter ging es mit den nächsten Stücken sehr ruhig. So wurde als zweites eine Ballade gebracht, der mit dem dritten Stück ein rhythmisch sehr ausdruckstarker Song folgte. Die Zugabe (sie war in diesem Fall wirklich nicht obligatorisch, sondern von jedem begeistert gefordert) regte wieder mit einer sehr ruhigen Ballade an, über den „Way to Babylon“ nachzudenken.

Sonic firebird haben versprochen im Januar wieder zu kommen – also ein Muss für alle, die sie gestern nicht gehört haben und ein unbedingt für alle die gestern da waren.

Auch die zweite Band, die „Giants“ brachte nicht den erwarteten Stein ins rollen. Sonst sehr viel rock’n rolliger haben auch sie sich dem Motiv des Abend angepasst und der musikalischen, wenn auch vielfältigen Idee des Ausdrückens eigener Gedanken und Emotionen in Liedermacher/ Singer-/ Songwriter Manier gedient. Herausgesucht aus ihrem Repertoire haben sie vier ruhige, rhythmisch gut umgesetzte Balladen, die hauptsächlich das älteste Liedmotiv behandelten – die Liebe. Die Giants schafften es den Charakter von Rock’n Roll und Ballade so zu kombinieren, dass eine sehr ansprechende Mischung entstanden ist; melodische Lieder mit instrumental ansprechender Begleitung und klarem Gesang. Allerdings genau an diesem, dem Gesang, sollte noch gearbeitet werden. Ich weiß, es ist äußerst schwer auf der Bühne hinter einem Mikrofon, ohne Monitorbox sich selbst so zu hören, dass eine Eigenkontrolle gut funktioniert – und deshalb soll es auch gar keine Kritik, sondern nur ein gut gemeinter Rat sein, aber sowohl die erste Stimme, als auch die teilweise Unterlegung mit einer zweiten Stimme waren nicht stabil. Ich glaube hier zeigte sich der alte Irrglaube, dass ein Instrument erlernt werden muss, aber singen kann man. Mein Tipp: Die Stimmen richtig trainieren. Auch mal ganz ohne Instrumente unter fachlicher Beobachtung singen. Ihr habt es in euch drin – holt es auch raus. Gar nichts zu „meckern“ gab es an der instrumentalen Begleitung. E-Gitarre, e-Piano (oder war es doch ein keyboard?) und akustische Gitarre waren die Instrumente, die ungekünstelt und auch hier sich nicht in den Vordergrund drängend, daher kamen. Auch die elektronischen Effekte der e-Gitarre waren so dezent, dass sie ohne Zweifel in den Rahmen der Veranstaltung passten. Auch die Giants haben für den Abend auf ihr Schlagzeug verzichtet – meine Meinung: Ihr habt es auch nicht gebraucht. Eure Musik kommt gut so rüber, wie ihr sie präsentiert habt.

Die Pause, die wegen einer doch etwas länger dauernden Umbauphase ausreichend Platz bot zu lüften und die Gläser wieder füllen zu lassen, brachte auch lebhafte Diskussionen über die ersten Gruppen. Genau das ist auch ein Leitgedanke der Veranstaltung. Sich präsentieren und mit Anderen austauschen, sich ausprobieren und sich von Anderen kritisieren lassen, um für die großen Bühnen zu lernen. Das Publikum macht hier mit und wird von Veranstaltung zu Veranstaltung immer zahlreicher. Wir danken es ihm.

Die zweite Hälfte läutete Tim Sturhan ein. Ein altbekanntes Gesicht der openmic Reihe. Tim ist spontan für die erkrankte Ann Bishop eingesprungen (gute Besserung, Ann) und war doch etwas aufgeregt, was an der einen oder anderen Stelle auch zu merken war. Aber auch hier kann ich nur sagen: Das kenne ich gut und schlimm wäre es, wenn ein Künstler keine Aufregung vor einem Konzert verspürt. Die Aufregung ist eigentlich nur der Respekt, die Hochachtung vor dem Publikum.

Tim erzählte in gewohnter Manier vor seinen Liedern immer die Entstehungsgeschichte (und das hat hier nichts mit Weihnachten zu tunJ ). Seine ersten Lieder handelten von einem Mädchen und davon, dass sich dieses Mädchen längere Zeiten nicht mehr gemeldet hat, was natürlich demjenigen, der auf eine Nachricht wartet, in Sorge versetzt. Ich fand es sehr schön, wie Tim es geschafft hat das Thema in einem Lied umzusetzen und dann auch noch die Fortsetzung in einem neuen Lied zu beschreiben. Wie immer, arbeitete Tim auch gestern mit vielen Elementen der Kopfstimme. Ich höre das sehr gerne, denke aber, dass der Ausdruck größer wird, wenn es ein klein wenig zurückhaltender eingesetzt wird. Die Gitarre begleitet Tim mit einem einfachen, aber prägnanten Fingerpicking. Tim ist Musiker und Poet und kein Technikfreak – seine Gitarre ist nur mit einem einfachen Tonabnehmersystem versehen, was bei der von mir unprofessionell eingestellten PA zur Folge hatte, dass der walking Bass seins Pickings nicht so gut zu hören war. Entschuldige Tim, wir nehmen das nächste Mal ein Mikro. Aber insgesamt hat das seinem Vortrag keinen Abbruch getan, denn alleine die Art , wie Tim seine Musik ankündigt, ist es schon Wert, genau zu zuhören. Da erzählt er vom Unisport und wie er, als Nichthandballer sich plötzlich in einer Gruppe von professionellen Handballcracks wieder findet – ach so, ja richtig, es war doch wieder ein Mädchen im Spiel -aber, leider, außer über Handballspielen reden, war dann doch nichts gewesen. Tim, so sagten mir einige Leute aus dem Publikum, wird als der gutgelaunte, traurige Poet in die Analen der openmic Abende eingehen.

Aus fernen Gefilden, genauer gesagten aus Mönchengladbach, kam das Gitarrenduo Saitenwechsel daher. Durch Zufall haben sie vom openmic-bonn gehört; durch Zufall war Lutz einmal als Zuhörer dabei und völlig bewusst haben sie gestern ihr Können gezeigt. Es war ein Experiment und ist jetzt ein gelungenes Experiment. Singer-/ Songwriter, Liedermacher! Wer sagt denn, dass eine Geschichte immer mit Worten erzählt werden muss? Es geht auch mit Tönen, das ist zwar schon altbekannt, aber wir haben es doch vergessen. Zuhören und selber kreativ das Gehörte in eigene Gefühle umsetzen ist sicher schwieriger, als gesungene Worte zu verstehen. Saitenwechsel hat es geschafft, das Publikum wieder auf diese Form des Verstehens zu führen. Zwei Gitarren – äh, nein vier Gitarren, aber immer nur zwei gleichzeitig, - brachten ein bisschen Spanien nach Bonn (wieso habt ihr Saitenwechsler eigentlich gesagt ein bisschen Spanien in Köln?), zeigten wie aus einer Wohnzimmerklimperei und den Kommentaren der kleinen Tochter (Hallo) ein auftrittsfähiges Lied wird, beschrieben die kreative Wirkung der Bandprobe im Garten unter Vinoeinfluss und zeigten ihr Können in der Umsetzung des klassischen Ragtimes auf der Gitarre. Fingerpicking der fortgeschrittenen Art, Strumming auf einer und Melodie, mal schnell mal langsam auf der andere Gitarre, gut  eingestellte Gitarrenverstärker (wenn auch für mein Dafürhalten ein klein wenig zu laut), die den originären Klang erhielten – das alles waren Elemente, die den Auftritt von Saitenwechsel zu einem künstlerischen Genuss machten. Natürlich blieb mal ein Ton in der Luft schweben, weil der Daumen sich gerade mit dem Zeigefinger stritt. Natürlich gab es auch mal das Gefühl, dass hier ein Basston fehlte (oder war es eine Melodieton zuviel?), aber diese Gefühle tauchten in einer sehr ausgeprägten Professionalität unter und verdarben nicht den Kunstgenuss, sondern verstärkten höchsten das Gefühl wahre Emotionen zu hören und keine sterile Musik dargeboten zu bekommen.

Puh, nun ist die Rezi doch länger geworden, als ich dachte – und das, wo ich noch kein Wort über den letzten Gigteil des Abends geschrieben habe. Aber ich schreibe ungern über mich, denn ich bin mir selbst gegenüber immer so kritisch und ärgere mich dann über das Urteil, wenn ich es leseJ. Ich habe aber gesehen, dass sich Tim ein paar Notizen gemacht hat. Vielleicht schickt er ja den letzten Teil, dann füge ich ihn noch an.

Bis dahin, denkt daran: Am 8.1. ist wieder openmic-bonn im Tiferet dran.

 

OUT OF THE BEDROOM

Laßt euch die besondere Atmosphäre der handgemachten, akustischen Livemusik nicht entgehen

 

Mario

 

 

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