zurück zur Startseite

 

Sowohl im Publikum, als auch auf der Bühne gab es bei der Open-Mic am 13.11.2006 viele neue Gesichter zu sehen. So zum Beispiel die Gruppe Rheinstein, namentlich Simon Schomäcker („Percussion“), Guido Haber (Bass) und Leadsänger und Gitarrist Werner Ruddat.

Zitat Simon Schomäcker: „Wir machen so’n bisschen Softrock mit deutschen Texten.“

Ein wenig angespannt wartete die Gruppe die letzten vielen Minuten bis zum Beginn der „Show“ ab und nach anfänglichen, technischen Problemen wurde der Bass ins erste Lied, „Maggi“, eingestellt. Sehr passend fand Bassist Guido sich trotz der Verzögerung in diesem rheinischen Hauchsong zurecht.

Verträumt und irgendwie persönlich klang ihr Stil, für den Pepp und die Originalität sorgte dabei Simon Schomäcker auf seiner eigenwilligen Percussion-konstruktion „Gitarrencase auf Hocker mit Trömmelchen und Asiastäbchen-bündeln in den Händen“. Der Anfang war gemacht und es ging in die zweite Runde. „Blaue Augen“ hieß das Stück und nahm mit teils etwas zu bekannten Metaphern, wie den „Schmetterlingen im Bauch“ seinen Lauf. Immerhin: Schon der Anfang des Songs hatte eine gewisse Stimmung geschaffen: „Wir trafen uns in einem Rockcafé...“

Simon sorgte an seiner Konstruktion für Schwung und Rhythmus und einige Zeilen „Dadada“ des Sängers Werner Ruddat wollten Stimmungsvoll zu erklären geben: Hier geht es um ein Gefühl, eine Stimmung, nicht nur um Worte! Englisch ging das Lied weiter mit den Zeilen „I will never let you go,... I’m so in love with you.“ Harte, umschlingend gefangennehmende Worte in meinen Ohren, aber unter Vorraussetzung einer Jugendliebe im Rockcafé sicher nachvollziehbar.

Im folgenden, dritten Lied „Was ist mit mir los“ ging es nun um „einen Zustand, den muss man sich so vorstellen, als hätte man frei.“, wie Werner dem Publikum einleitend erklärte. Wieder sorgten ein paar Takte „Dadada“ für ein Gefühl, für das es keine Worte braucht.

So kam schließlich Lied vier, „Regennasse Straße“ an die Reihe, in dem Simon einen Versuch unternahm seine Selfmade-percussion auch selbst zu zerstören. Rhythmisch allerdings war die Sache ‚eins a’ und alle konnten nachfühlen, „wie man sich fühlt, nach einer Trennung und kommt dann wieder auf neue Gedanken.“ Da war Leben drinnen, Emotion, träumerische Elemente und eben das Gefühl, was es in der Musik braucht. Nicht zu vergessen die Spontaneität, denn nachdem sich die Gruppe auf einer Kölner Jamsession kennen gelernt hatte kam erst kürzlich und eben ganz spontan der außergewöhnliche „Trommler“ Simon mit ins Boot und bewies, wie man mit einfachen Mitteln viel bewirken kann. „Ich fand’s besser, als hätte hier so eine große Kiste gestanden.“, meinte Hauptorganisator Mario Dompke und überhaupt: „Einfach Klasse.“

Denis Hodak war heute die Nummer zwei am Start und legte nach einem krankheitsbedingten Aussetzer im Oktober mit einem seiner Lovesongs stimmgewaltig los. Ein Bier und eine Gitarre, mehr braucht der junge Künstler aus der Provinz (Meckenheim) nicht für einen Auftritt und so sang er uns klagend sein erstes Lied und brachte den Zuhörern das Gefühl nahe, dass hier eine hoffnung.svolle Liebe zu Grunde gegangen war. „Und der hat wirklich keine Depression?“ war es aus dem Publikum zu vernehmen? Doch wie dem auch sei, nach dem Lied wurden eventuelle Depressionen mit dem Stemmen des Bieres, dessen Glas einen eigenen Platz auf einem nahen Hocker bekommen hatte mit dem Alkohol des Vergessens übergossen. Holla, die Waldfee stirbt

Nachdem sich herausgestellt hatte, dass mein Kapo über Eck an Denis weiterverliehen worden war, ging es auf zu Song zwei auf  Denis Programmliste, „I won’t be free“, wozu zu sagen wäre, dass „Es Situationen gibt im Leben... man verändert sich. Man verändert sich sehr. ... Leute, die man im Stich lässt.“ Das Lied, was er auch bei seinem ersten Auftritt im Café Tiferet im September gespielt hatte, bestand Gitarrentechnisch gesehen sowohl aus mächtigem, schnellerem Strumming, als auch aus Einzeltonläufen, wozu Denis seine Verzweiflung geradezu in den Saal hineinkatapultierte: „It’s just another side of me!“

Wie zuvor schon bei Rheinstein kamen hierzu noch Passagen der ‚Gefühle ohne Worte’ zum Einsatz, die gut zum Stück passten. Ob stilistisch beabsichtigt, oder stimmlich nicht ganz auf der Höhe, was seine langen, ansteigenden Töne betraf, „der Pegel steigt“ und stieg noch weiter mit Lied Nummer drei:

„Ein Song für ein Mädchen.“ Der Anfang mutete verträumt an, die „Sonne verbarg sich hinter dem Vorhang“. Teilweise klang Denis in der Folge etwas neben der Spur, teilweise brillant gefühlvoll, bevor er zu seinem letzten Lied ansetzte. Dem voraus ging natürlich noch ein Schluck vom goldgelben Bier, das noch immer neben Denis die Stellung hielt und Werbewirksam winkte. Nach einer ‚Alkoholikerbeichte’ mittleren Ausmaßes kam Denis dann doch zu dem Schluss, dass das Leben im nüchternen Zustande besser sei; hoffen wir, dass es noch nicht zu spät ist und es bei den „lustigen Spielereien mit Alkohol“ bleibt. Mit dem etwas lang geratenen, aber nicht weniger ernst-gefühlsbeladenem Stück „That’s the way you make” endete Denis Auftritt. 

Nach einer erfrischenden Pause trat Bernardo nun mit seinen deutschen Texten an. Der ein oder andere mag sich vielleicht noch an sein Lied „Jenseits von Eden“ erinnern, dass er bei seinem ersten Open-Mic-Auftritt gespielt hatte, mit den klingend-romantischen Zeilen: „Jenseits von Eden/ liegt Graceland im Regen.“

Heute hatte er zwei andere Lieder mit im Gepäck und erzählte uns in seinem ersten Lied von „Maria Magdalena, in sie war er verliebt“. In einer apokalyptischen Westernszenerie mit experimentellen Klagelauten, die teils zu lang gezogen wirkten, und der Geschichte von einem Mord bestand Bernardo sein erstes Stück des Abends.

Ohne eine Vorrede sprach das Lied für sich selbst und „manchmal spür’ ich diese Nostalgie.“

Sein zweites Lied lief unter dem Titel „Tausend Kreuze“ und spielte vor tausend Jahren. Jemand wird in ein „finsteres Loch geworfen“ und „ich musste tausend Kreuze auf mich nehmen, um dich zu lieben.“ Die Zeilen „Ich lag in Ketten mit Höllenqualen“ hätten deutlicher hervorgehoben werden können, schließlich geht es um Leben und Tot! Wer in diesem Lied nun eigentlich geliebt werden soll, wer diese tausend Kreuze wert war, wurde nicht verraten und so blieb diese Frage dem Zuhörer und seiner Interpretation überlassen. Wer es auch sei: Im Refrain kam Gefühl rüber!

Jetzt rief Mario dazu auf, „uns alle gemeinsam überraschen“ zu lassen und tatsächlich: Da kam was auf die Zuhörer zu!: HELGE trat auf die Bühne, versprühte seinen Charme und verblüffte seine Zuhörer durch seine rein optische Ähnlichkeit zu Reinhard Mey. Doch die Stimme, die seine Zuhörer nun erwartete war eine völlig eigene, unverwechselbare: Rau, sehnsüchtig, manchmal verspielt und offen sang er seine Stücke: Im Ersten, „Berlin“, überzeugte er des weiteren durch Zeilen wie: „Berlin, deine Mauer fällt, doch du hast ihm eine neue aufgestellt.“ Das Publikum war gebannt, der Mann überzeugte, „Eins a“ zog es durch meinen Sinn und sofort notierte ich mir den Gedanken. Nach seiner „persönlichen Abrechnung mit dem damaligen Bundestagsbeschluss“ ging es hart zur Sache, denn „Ich bin euerm Geld auf der Spur.“ Charaktervoll baute Helge seine originellen Texte in ein Lied über die Politiker und eben alle Geldgeilen ein. Tokio Hotel, so bekannte er in seinem Song sei Dreck, was im Publikum und seinem speziellen Fan für Aufruhr sorgte.

Helge macht Musik für Erwachsene und auch für Kinder, wie auch Mario Dompke, und überzeugte abschließend auch ganz ohne Gitarre durch ein gekonntes, Märchenhaftes Schauspiel und einer hübschen Dichtung. Man hing ihm förmlich an den Lippen. Helge: Komm wieder, das war Klasse!

Martini Tyran, der seine Gitarre zuvor noch mit seinem im zweiten Lied einspringenden Musikpartner Nico auf den Toiletten gestimmt hatte, legte ohne große Ansprachen gleich los und bearbeitete die Saiten, dass der Rhythmus alle ergriff. „Einmal durch die Hölle...und wieder zurück.“ Lautete das Motto und wirksam baute Martini kleine Pausen absoluter Stille in seine Musik ein. Die Zeilen „Wir werden doch noch Sieger. Und wenn nicht hier ...[wirksamer Stop]... dann in der Hölle haben sich mir nicht offenbaren wollen, klangen so sehr aggressiv und bezugslos. Wer will Sieger werden und das, wenn nicht hier, dann in der Hölle?

Im zweiten Lied stieß nun Martinis Gitarrist hinzu und spielte auf zum „Total release“. Als das Mikro erst einmal gerichtet war, war Nicos galantes Gitarrenzupfspiel für alle zu hören und ergänzte sich harmonisch mit dem Spiel und Gesang Martinis.

„Wozu sich selbst bekriegen, wenn’s noch Kriege gibt“ kann man vielleicht als die Aufforderung verstehen den Schritt in die Welt zu wagen, sich nicht zu verkriechen, zu Leben, „Ich seh’ nur was ich sehen will, von hier zur Küste, alles Still.“ Ja doch: Am Ende ist alles subjektiv. Also warum noch sich selbst bekriegen, in pessimistischer Weltanschauung?

Das lang ziehen der Töne war eine weitere stilistische Besonderheit Martinis, wie er in Zeilen, wie „E(eeeeeeee)s ist nicht mehr weit“ eindrucksvoll unter Beweis stellte. Nachdem der Akt des Fremdaufsetzens der vergessenen Harp, oder wie Nichtkenner noch sagen dürfen „Mundharmonika“, gründlich misslungen war, bewies Martini dann letztlich doch noch sein Können auf dem ‚kleinen Tönemacher’. In seinem dritten Lied war er weiter mit Nico unterwegs und trug seinen „Popsong 23“ vor. Der Text war originell und einzigartig, wie alle bisherigen, jedoch relativ Melodielos. Aber dafür ging es ja auch um einen Popsong!

Laut wechselte sich mit Leise ab und der Gegensatz zwischen Masse und einer sich entfremdenden Beziehung („Du bist weiter weg, denn je.“) machte deutlich, worum es –eigentlich drückt der Titel dies schon aus- in diesem Lied gehen soll: Um die Liebe der Massen und die Verlassenheit des Einzelnen. Sein Kopfstimmensolo brachte eine Abwechslung und einen Klang in den Song, der alle begeisterte und machte alle Melodieunpässlichkeiten drei mal wett. Alle wippten mit bei dieser Gruppe und dem Schlagzeugfuß Martinis, der die Bühne fast zum Einsturz gebracht hätte.

Und auch wenn das letzte Lied ein wenig lang geriet, so machte dieser Song über das Leben („Zwischenspiel“), den Martini nun wieder ohne Nico bestritt doch allein durch seine Stimmung alles wieder mehr als gut. Insgesamt bleibt zu sagen: Dylan winkte bei diesem Auftritt stetig zustimmend aus dem Hintergrund und unter der Decke schwebte ein Grönemeyer, der auf solche guten und dabei deutschen Texte sichtlich stolz und zufrieden lächelte.

„Ein neues Licht, ein neues Leben, alle Krankheiten geheilt.“, endete dieser erste und hoffentlich nicht letzte Auftritt von Martini Tyran bei der Open-Mic-Bonn.

 „Und wieder schließt sich ein Kreis“, Bis zum nächsten mal sagen

Euer Timey und die Truppe der Open-Mic

 

P.S.: Mein Dank auch an Antje vom Tiferet, die mir so fürsorglich und ohne Fragen meinen ersehnten Espresso gebracht hat und an Mario, der an diesem Abend erschöpft nach Berlin und wieder zurück gereist war, um rechtzeitig und sogar noch vor mir im Café zu sein und diesen Abend wieder zu einem Erfolg zu machen.

 

Am 11. Deuember 2006 heißtes wieder - und nicht nur für die Musiker:

OUT OF THE BEDROOM

Laßt euch die besondere Atmosphäre der handgemachten, akustischen Livemusik nicht entgehen.

Tim Sturhan

 

 

home                    Wir                  Anmeldung         Mausefalle 33 1/3       Kontakt           Impressum                Rezensionen